Lecture féminine – eine Spurensuche
Marlen Mairhofer (Salzburg)
«Lesen Frauen anders?», fragt die Literaturwissenschaftlerin und Autorin Ruth Klüger in den 1990er-Jahren, und beantwortet die Frage mit einem empathischen «Ja.» Auch mehr als 30 Jahre später haben diese Frage und die damit einhergehenden Antwortversuche nicht an Relevanz – und Brisanz – verloren. Ein Blick in die Literaturgeschichte zeigt, dass mit der Frage, was Mädchen und Frauen lesen (sollen), schon immer mehr auf dem Spiel stand als bloße Einzelschicksale; so sind die Auswirkungen von zu viel oder zu wenig, vor allem aber von falscher Lektüre auf Familie und Gesellschaft Inhalt zahlreicher Ratgeber des 18. und 19. Jahrhunderts. Noch einmal anders stellt sich die Frage, wenn Frauen nicht mehr nur als Rezipientinnen, sondern auch als Produzentinnen am literarischen Leben teilnehmen, wie die feministischen Debatten rund um eine «écriture féminine» – auf Deutsch nur unzureichend mit «weibliches Schreiben» übersetzbar – der 1960er- und 1970er-Jahre beweisen. Wäre es denkbar, von diesem selbst immer wieder verworfenen, wiederentdeckten und transformierten Begriff ausgehend, von «lecture féminine» zu sprechen? Was könnte das sein? Und ist sexuelle Differenz nicht, wie Hélène Cixous im Dialog mit Jacques Derrida erkundet, immer eine Frage der Lektüre?
Mittwoch, 13.30–14.30 Uhr
Viaduktraum 2.A05